Inhalt des Heftes 123 (Juni 2026)
3
Martin Hentrich:
70 Jahre Heimatzeitschrift „Zwischen Harz und Bruch“
ZHuB 122
6–8
Frank-Ulrich Schmidt:
Das Rebhuhn (Perdix perdix) – Vogel des Jahres 2026
9–11
Hans-Henning Feige:
Stoffe mittelalterlicher Vogelwelten
12–13
Lutz Römmer-Collmann:
Hat denn dä ordentlich wat op de hoh’n Kante?
14–18
Reimar Lacher:
Zum 300. Geburtstag des Prinzen Heinrich von Preußen
19–23 Hans-Ulrich und Ilona Kison:
Die Zitterpappel: Baum des Jahres 2026
24–28
Sven Wabersitzky:
Auf den Spuren der jüdischen Schule in Halberstadt
Teil 2 – Die jüdische Schule in der Klaus (1850er Jahre bis 1899)
29
Martin Hentrich:
Vor 400 Jahren starb der „Tolle Halberstädter“
30–33
Bernd Blum und Martin Hentrich:
Eine Handglocke des Landwehrvereins in Dingelstedt
34–35
Volker Bürger:
Eine Barttasse – Ein Souvenir aus vergangener Zeit
36–39
Katrin Wohlmann:
Ein Glaspokal erzählt vom Leben im Pfortenhaus
40–43
Cornelius Mund:
Ein Brauereischild für „Roederhöfer Biere“
44–45
Anne-Kathrin Kokles:
REICH UND SCHÖN? – Die Fürstengräber der jüngeren Römischen Kaiserzeit aus Emersleben
46–47
Holger Wegener:
Die Sanierung der Diesterweg-Grundschule in der Sargstedter Siedlung
48–52
Winfried Haberland und Gerald Eggert:
1806: Abbenröder werden in Halberstadt hingerichtet
53
Bücherschau: Detlef Rohnstein: Lupté – midsommer in den Heidbergen
54
Bücherschau: Vadim Vadimov: Mein Sprung in die Freiheit
55
Bücherschau: Sibylle Heise: Hornburg - Menschen und Geschichten aus alter Zeit - Teil 2
56
Bücherschau: Thomas Dahms und Alexander Pavlenko: Wehrmachtlosigkeit an der Westfront
Aus dem Heft 123:

Vor 400 Jahren starb der „Tolle Halberstädter“1
Von Martin Hentrich

Am 6. Juni 1626 alten Stils (julianischer Kalender, der damals noch von den Protestanten verwendet wurde) bzw. am 16. Juni 1626 neuen Stils (gregorianischer Kalender, den die katholischen Länder verwendeten und der sich durchsetzte und auch heute noch gilt) starb in Wolfenbüttel Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Als dritter Sohn des lutherischen Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel und dessen zweiter Gemahlin Elisabeth von Dänemark wurde er am 20. September 1599 im Schloss Gröningen geboren. Schon im Alter von 17 Jahren wurde er zum weltlichen Administrator des Bistums Halberstadt bestellt, erlangte aber nicht die Anerkennung durch den Kaiser bzw. den Papst.
Seine militärischen Neigungen ließen ihn abseits seiner bischöflichen Aufgaben nach Beginn des später sogenannten Dreißigjährigen Krieges im Auftrag des Kurfürsten-Pfalzgrafen Friedrich V. von der Pfalz, des vertriebenen und geächteten „Winterkönigs“ von Böhmen, nach dessen verlorener Schlacht am Weißen Berge (18. November 1620) ein Söldnerheer von ca. 10.000 Mann ausrüsten. Herzog Christian plünderte mit seinen Truppen die Gegenden um Paderborn und Münster. Aus dem Silber geplünderter Kirchenschätze ließ er den Pfaffenfeindtaler prägen. In der Schlacht bei Fleurus (1622) hatte Herzog Christian eine Schussverletzung am linken Arm erlitten, sodass ihm in Breda der linke Arm etwa vier Finger oberhalb des Ellenbogens amputiert werden musste. In dieser Zeit nannten ihn schon Zeitgenossen den „Tollen Halberstädter“. Toll dabei im Sinne von tolldreist, verrückt, irrwitzig und verwegen. Im Jahre 1623 legte Christian sein bischöfliches Amt nieder und sammelte erneut ein Heer. Er wollte sich auf niederländisches Gebiet durchschlagen, wurde aber vom Führer der katholischen Liga, General T’Serclaes von Tilly (1559–1632), am 6. August 1623 bei Stadtlohn fast vollständig aufgerieben. Mit wenigen Soldaten rettete er sich in die Niederlande und rüstete mit englischem Geld ein neues Heer aus. Anfang 1626 wurde ihm, nach neuem Erstarken der kaiserlichen Kräfte in Norddeutschland, von seinem Bruder Friedrich Ulrich die Herrschaft im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel übergeben. Christian stellte zur Unterstützung des dänischen Königs Christian IV., seines Onkels, neue Truppen auf. Noch vor dem Feldzug starb er nach kurzer Krankheit in Wolfenbüttel.
In den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges war der „Tolle Halberstädter“ eine irrlichternde Erscheinung, die wegen ihrer Jugend, der Erbarmungslosigkeit und der verklärenden Verehrung seiner Cousine, der Winterkönigin von Böhmen, Aufmerksamkeit erregte. Auf ihn trifft Schillers Bemerkung über Wallenstein passgenau: „Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“